Johanna J. Jaeger

Vorwort

Muss man alles wissen beim Betrachten eines Kunstwerkes, über Künstlerin oder Künstler, über deren angewandte Technik, Motivation, Philosophie, Botschaft, über die Message, die hinter einem Werk steht, um sich ein „wahres“ Bild vom Bild zu machen?
Warum sich nicht fallen lassen in das, was man sieht? Warum nicht eine intensive Auseinandersetzung im ganz persönlichen Dialog mit dem Kunstwerk? Warum nicht der eigenen Phantasie freien Lauf lassen? Warum nicht dieses klischeehafte Fragen, was sich Künstlerin oder Künstler dabei gedacht haben mögen, endlich mal hinter sich lassen?
Wer dazu bereit ist, wird eine große Freude beim Betrachten der Arbeiten von Johanna Jaeger verspüren. Aber Freude allein würde den Werken auch nicht gerecht. Die in der Ausstellung im Kunstraum Kunze präsentierten Arbeiten unter dem Titel „liquid_liquid/liquid_solid“ sind eine Serie von Diptychen, die teilweise kontemplativ, ja gefühlvoll erlebt werden, ein anderes Mal einem selbstbewusst mit leuchtender Farbe entgegenspringen. Alles wirkt fließend, erscheint unstrukturiert, und doch spiegeln die jeweiligen Gegensatzpaare innerhalb jedes einzelnen Diptychons eine Ordnung, eine Struktur wider. Man versteht, dass die Arbeiten irgendwie zusammen gehören, zwei Seiten einer Medaille sind, obwohl sie dann doch so verschieden daherkommen.
Johanna Jaeger befreit auf Wunsch Betrachterin oder Betrachter von dem suchenden Herantasten an das, was man sieht, wobei man nicht weiß, was man wirklich sieht. Sie verrät den Prozess des Schaffens dieser gewollt ungewollten, unkontrollierten und doch kontrollierten Farbstrukturen, indem sie der Tinte freien Lauf lässt, ohne Beeinflussung, aber dann doch den Punkt entscheidet, wann der Prozess gestoppt wird, wann die Kamera ihren Dienst getan hat.
Was ist das Ganze jetzt? Malerei, Abstraktion, Fotografie, Konzept? Jeder oder jede möge für sich entscheiden, was man in den Werken sieht, wie man sie einordnet. Auf jeden Fall sind sie eines: Absolut sehenswert!
Hans-Peter Kunze

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