Julika Teubert / Carolin Hegerath

Vorwort

Gemeinschaftsausstellungen sind nichts Außergewöhnliches, auch nicht im KunstraumKunze. Gemeinschaftsausstellungen geben verschiedenen Künstlerinnen und Künstlern ein Forum, sich, beziehungsweise ihre eigene jeweilige künstlerische Position, zu präsentieren, natürlich meist von Kuratoren unter einem thematischen Dach vereint. So weit, so gut.
Also nun eine weitere Gruppenausstellung im Gifhorner Kunstraum mit den zwei Stipendiatinnen des Deutschlandstipendiums, Carolin Hegerath und Julika Teubert. Die Perdita und Hans-Peter Kunze Kunststiftung beteiligt sich seit 2017 am Deutschlandstipendium, wobei die Förderung stets auf der Basis einer Kooperation mit der Hochschule für Bildende Künste in Braunschweig beruht.
Den gesteckten Rahmen der „Gemeinschaftsausstellung“ haben die Künstlerinnen nicht nur als willkommene Möglichkeit, sondern als Herausforderung angenommen, thematisch wie inhaltlich. Es hatte insoweit den Charakter einer Premiere im KunstraumKunze, dass sich die Künstlerinnen als Kuratorinnen verstanden, indem sie das Thema: „shifting traces“ entwickelten und mit Leben erfüllten. Und sie beließen es nicht dabei, sondern schufen ein Gemeinschaftskunstwerk, indem sie die mit einem Bett ausgestattete Empore des Raumes mit einer Installation bespielten.
Inhalt und künstlerischer Ausdruck der „shifting traces“ waren dann aber doch von der individuellen Handschrift der Künstlerinnen geprägt.
Carolin Hegerath, die mit Erfolg ihr Diplom an der HBK absolviert hatte und vor dem Start als Meisterschülerin stand, präsentierte Malerei aus den letzten drei Jahren, wobei auch das Schlüsselwerk aus ihrer Diplomarbeit vertreten war. In ihren Bildern spiegelt sie Erinnerungen wider, Wahrnehmungen werden thematisiert, wobei diese sich nach ihren Worten im Laufe der Zeit in der Erinnerung auch verändern können, so wie sich Spuren verändern können. Im Mittelpunkt stehen Menschen, vorwiegend junge Frauen, mal klar erkennbar, mal verhüllt wie für eine Maskerade, Neugier erzeugend.
In ihrer Malweise setzt Carolin Hegerath kontrastierende Elemente ein; da stehen heftige, pastos aufgetragene, farblich dominierende Portraits neben leichten Andeutungen von Malerei, die aber immer noch Motive erkennen lassen. Die Künstlerin bedient sich hierbei einer einzigen, schnelllebigen Lasur, die keine Korrekturen erlaubt. Für den Betrachter ergibt sich eine intensive Ausdrucksstärke trotz eines als zart empfundenen Farbauftrags.
Julika Teubert, zum Zeitpunkt der Ausstellung kurz vor ihrem Diplom stehend, überrascht mit Fundstücken aus aller Welt ebenso wie mit ihrer Erinnerung an die von der Familie viele Jahre betriebene Fahrradwerkstatt. Ihre gezeigten Arbeiten gehen in zwei Richtungen, was die Materialität betrifft. Da sind metallene, grazile Grundstrukturen, die Assoziationen an menschliche Körper in gebeugter Haltung hervorrufen. Sie dienen als Schaukästen für Fundsücke aus gebogenem Draht, die die Künstlerin auf den Straßen unseres Globus aufliest; Zufallsfunde, die dennoch in ihrer Formgebung signifikante Parallelen aufzeigen. Das regt die Phantasie an, und schon begibt man sich zwangsläufig auf die eigene Spurensuche, fragt man sich doch, welche Geschichte hinter jedem einzelnen Metallstück steckt.
Metall, in erster Linie Kugeln für Kugellager, aber auch Handwerkzeuge haben den Alltag von Julika Teubert für viele Jahre beeinflusst und stehen nun im Mittelpunkt von großformatigen Fotoarbeiten, mit denen sie sich offenbar ein Archiv der Erinnerungen, der eigenen Spuren, anlegt. Es sind Motive, die Metallkugeln als ästhetisches Produkt zeigen, das Freude macht, durch die Hände gleiten zu lassen. So sind Materialien, Prozesse, Lebensinhalte im Gedächtnis geblieben; allerdings erscheinen die Realitäten der Vergangenheit in einem Licht, das von einer Verklärung nicht weit entfernt ist. Absicht oder führt die Rückschau intuitiv zu „shifting traces“?

Hans-Peter Kunze

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